Naturmittellehrbörse / Angebote

Die „Erfindung“ der Walderlebniswelt
Wie der Waldlehrpfad zu einem neuen waldpädagogischen Angebot weiterentwickelt wurde ...

1.10.10

Waldlehrpfade (Walderlebnispfade, Waldlernpfade ...) sind forstfachlich betreute, mit Informationen über Tiere und Pflanzen, Landschaft, Wald und Forstwirtschaft sowie regionales Wissen und meist auch mit diversen Naturlehrmitteln ausgestattete Waldwege, welche die Besucher i.d.R. auch ohne fachkundige Begleitung nutzen können.

„Waldlehrpfade“ stellen eine von 25 brandenburgischen waldpädagogischen Kategorien.

Es gibt in Deutschland weit über 1000, im Bundesland Brandenburg fast 100 Waldlehrpfade.

Die ersten Waldlehrpfade entstanden im Märkischen in den 1920-er Jahren.
Bis zu den 1970-ern konzipierte man zunächst nur schilder- und tafelgestützte „Belehr“- und Informationspfade.
Dann kamen auch „Nummernpfade“ auf: Die „Naturexponate“ wurden relativ unauffällig (und damit waldfreundlicher) nummeriert; der Begang war dann allerdings nur mit Hilfe eines an einem zentralen Punkt („Starttafel“ etc) gelagerten Begleitmaterials möglich.
Seit den 1980-ern schließlich gibt es auch verschiedene Typen von Erlebnispfaden, die den Waldaufenthalt mit „Kopf, Herz und Hand“ und damit nachdrücklicher ermöglichen sollten.

Auch waldmobil-gestützte „rollende Walderlebnispfade“ zur Verwendung auf Messen und anderen Großveranstaltungen bzw. im schulnahen Raum gibt es schon – sie werden seit der Jahrtausendwende genutzt.

Zur Gruppe der Walderlebnispfade zählen auch die (technisch und finanziell sehr aufwändigen) Baumkronenpfade, deren Besonderheit darin besteht, dass die Besucher zwischen den Baumwipfeln von Laubmischwäldern hindurch geführt werden.

Alle diese Waldlehrpfade (auch die modernen Erlebnispfade!) haben gegenüber anderen walpädagogischen Angeboten mehrere Nachteile: Sie können nicht zielgruppenorientiert angewandt werden (stehen also der interessierten Familie ebenso offen wie dem betrunkenen Disco-Heimkehrer - was sie natürlich nicht leisten können) und sind oft sehr aufwendig sowie „zerstörungsintensiv“. Sie vermögen einen menschlichen „Waldinterpreten“ in keiner Weise zu ersetzen und werden insofern manchmal auch als „waldpädagogische arme Sau“ (= letzte und schlechteste Möglichkeit der Waldpädagogik) bezeichnet.

Um diese Nachteile ein wenig auszugleichen, ging man im Interesse zusätzlicher Zielgruppenorientierung vor etwa 10 Jahren dazu über, die (ohnehin vorhandenen) Lehrpfade auch als Grundlage/Basis fachlich betreuter Wald(rallye)-Parcours, Waldprojekttage, Waldseminare ... zu verwenden.

Kosten- und auch ästhetikrelevant ist es, wenn seit Mitte der 1990-er Jahre statt großer aufwendiger Informationstafeln schlichtere, weniger gefährdete und dem Wald angepasstere Informationsträger verwendet werden. Bewährt haben sich dabei z.B. „Waldmännlein“. Das sind ca. 120 cm hohe und ca. 20 cm dicke Rundhölzer, unter deren abklappbarem, mit „Greifnase“ versehenen Kopf die Informationen/Anregungen sichtbar werden.

Das Sicherheits- und Kostenargument war auch Auslöser des um 2000 einsetzenden Trends „Vom Waldlehrpfad zum Wald-Erlebnispunkt“: Statt auf einer kilometerlangen anfälligen Wegestrecke kommen die Informationen/Anregungen in einem geeigneten Gelände „kompakt“ zur Darstellung. Solche Erlebnispunkte sind oft in unmittelbarer Nähe von Forsthäusern oder touristischer bzw. gastronomischer Einrichtungen angelegt. Die Bedürfnisse Bildung - Erholung bzw. Bildung - Ernährung können so miteinander verknüpft, die Anlagen gut beaufsichtigt werden.

Weitere Lehrpfad-Trends“ sind die zum „Waldhörpfad“ oder auch zum „Themenpfad“:
Bei letzterem werden diese Pfade statt eines thematischen „Rundumschlags“ (den der Besucher oft gleich wieder vergisst, sobald er den Wald verlassen hat) mit einprägsamen Themen und Bezeichnungen als „roter Faden“ zum Waldbegang angeboten – Spechtlehrpfad, Ameisenlehrpfad, Eichhörnchenlehrpfad ... sind bereits erprobte Beispiele. Als Leitmotive dienen dabei oft waldbezogene Fachgebiete/Themen, welche sich in besonderer Weise eignen, die Waldinterpretation an einfachen klaren Beispielen modellhaft zu gestalten.
Eine interessante Variante des „Themenpfades“ ist die „Lesefährte“. Die Besucher können hier an Lesepulten, die aus Stammabschnitten geharzter Kiefern gearbeitet sind, „Waldweisheiten“ nachlesen. Seit 2005 hat sich am historischen Forsthaus Hammer (Amt für Forstwirtschaft Wünsdorf; LDS) eine solche „Lesefährte“ bereits bewährt. Es sind hier Wald-Texte von Theodor Storm, Alexander von Humbold, Ernst Jünger, Wilhelm Hauff ... zu finden
Der aus Österreich stammende Künstler Wolfgang Georgsdorf entwickelte diesen Pfad gemeinsam mit Forstleuten der Oberförsterei Hammer. Insgesamt sollen hier einmal 30 „Harz-Pulte“ aufgestellt werden.

In Fortführung dieser Idee des „roten Fadens“ experimentiert man seit der Jahrtausendwende auch mit der waldpädagogisch sehr erfolgreichen - weil (das haben Erfolgskontrollen gezeigt) nachhaltig wirksamen - und außerordentlich beliebten Form von Lehrpfaden, den Walderlebniswelten.

Die i.d.R. im Umfeld (z.B. Waldlehrgarten) einer größeren waldpädagogischen Einrichtung betriebenen Walderlebniswelten gehen auf die „Igelpfad-Idee“ von Forstwirtschaftsmeister Roland Boljahn (brandenburgische Waldschule „Am Rogge-Busch“ / Müllrose) von 1995 zurück.

Walderlebniswelten sind forstfachlich betreute, mit speziellen Naturlehrmittel ausgestattete Parcours, in welchen den Besuchern (vor allem Kindern) ermöglicht wird, sich mit liebenswerten Waldbewohnern zu identifizieren und dadurch nicht nur ein tiefes Verständnis für Wald und Forstwirtschaft zu entwickeln, sondern dabei auch sich selbst sowie seine „Mitmacher“ besser kennen zu lernen und auf diese Weise Seelenfrieden und Nächstenliebe zu entwickeln.

Walderlebniswelten werden i.d.R. zu waldpädagogischen, oft am Maskottchen der entsprechenden Einrichtungen orientierten, kindgerechten Fokussierungen von WP-Leitthemen entwickelt.
Es sind waldbezogene Fachgebiete, welche sich in besonderer Weise eignen, die Waldinterpretation an einfachen klaren Beispielen modellhaft zu gestalten.
Sie sind auch ein geeignetes Mittel zur Profilierung waldpädagogischer Einrichtungen.

Die Veranstaltungen in einer Walderlebniswelt sind i.d.R. fachlich betreut (also angemeldet), jedoch ist in einem „abgespeckten“ Programm auch „freie“ Besuchernutzung möglich.

An der im Jahr 2000 am Märkischen Haus des Waldes in Heidesee eröffnete „Hirschkäferwelt“ werden seitdem jährlich ca. 4.000 Besucher (meist Grundschüler) gezählt; sie ist ein „Erfolgsprodukt“ brandenburgischer Waldpädagogik.

Nach ähnlichem Muster ist in Heidesee ein auf die Zielgruppe Schüler der Sekundarstufe 1 gerichteter „Pirschweg“ (Jagderlebniswelt) in Gebrauch. Im Unterschied zur „Hirschkäferwelt“ geht hier jedoch nicht eine ganze Schulklasse auf einmal hindurch, sondern Kleingruppen zu 3 – 4 im „Stationsbetrieb“. Wegen der durchschnittlichen 27-er Klassengrößen haben sich für solche Einrichtungen inzwischen 8 Stationen bewährt.
2011 werden auf der Walderlebniswelt-Ebene am Haus des Waldes außerdem eröffnet:

  • eine speziell für Schüler der Sekundarstufe 2 gedachte „Praxis Dr. Wald“ über 8 Erlebnis-Stationen,
  • ein speziell an Schüler der Sekundarstufe 1 gerichteter „Holzplatz“ (Holzparcours über 8 Erlebnis-Stationen) und
  • ein 8-Erlebnis-Stationen-„Fuchsbau“ als Schlechtwettervariante in der „Infoscheune“.

An anderen brandenburgischen waldpädagogischen Einrichtungen gibt es derzeit Pläne oder schon Aufbau-Arbeiten für weitere derartige Walderlebniswelten, z.B. zu folgenden kindgerechten Fokussierungen von waldpädagogischen Leitthemen:

  • Rote Waldameise (Waldschule „Am Rogge-Busch“ / Müllrose; im Aufbau),
  • Holz (Rucksackwaldschule Baruth; im Aufbau),
  • Specht (Waldschule „Zum Specht“ Börnichen; in Planung),
  • Biene (Arboretum Königs Wusterhausen; im Aufbau),
  • Fledermaus (Waldschule Reiersdorf; in Planung),
  • Biber (Waldschule Briesetal; Ideenfindung),
  • Förster („Waldzentrale“ / Kleines Forstmuseum Alt Ruppin; im Bau)
  • Wolf (Waldschule Kleinsee; Ideenfindung),
  • Eichhörnchen (Rucksackwaldschule Blankenfelde; in Planung),
  • Wildschwein (Grüner Lernort / Waldbegegnungsstätte „Krämer“; Ideenfindung),
  • Märchen (Waldschulheim Kyritz; Ideenfindung),
  • Hirsch (Waldschule „Jägerhaus“ Groß Schönebeck; im Aufbau).

Die neue Waldpädagogik-Kategorie wird künftig meist aus vier Komponenten bestehen:

  • der eigentliche thematische Parcours
  • der thematische Stützpunkt (Museum, Ausstellung, Werkstatt ...)
  • der thematische Laden
  • die thematische Küche

Walderlebniswelten werden seit 2007 nicht mehr als Lehrpfade, sondern als eigene Waldpädagogik-Kategorie gezählt.

Für einen Erfahrungs- und Informationsaustausch sind wir dankbar.

Kontakt:
Klaus Radestock
Fon 033763-64444